Gold-Blau-Weiß. Neue Farben braucht das Land
Couleurstudententum im Osten heute –
Die Gründung der „Audacia“ in Rumänien

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Kbr. Rudolf Hackauf v. Marius (K.Ö.St.V. Trautenfels Irdning) war vor Ort, als in Klausenburg/Siebenbürgen eine neue Verbindung entstand. Ein interessanter Bericht über die Audacia Napocensis, und rundherum so einiges über die couleurstudentische Landschaft unserer östlichen Nachbarn.

Seit der zweiten großen politischen Wende des vorigen Jahrhunderts, 1989/90, und der damit verbundenen ideologischen sowie praktischen Öffnung Mittelost- und Osteuropas haben vor allem unsere österreichischen katholischen Verbände, aber auch der übergeordnete EKV mehrfach versucht, katholisches bzw. christliches Couleurstudententum (wieder) in die Universitätsstädte im ehemaligen zwangskommunistischen "Ostblock" zu verpflanzen. - Ja, ich sage "zu verpflanzen", weil die alten Wurzeln weitgehend abgeschnitten waren, es kaum ein Anknüpfen gab und weil sich auch sonst die äußeren Voraussetzungen praktisch völlig geändert hatten, beginnend von den materiellen über die geistigen bis hin zur (in diesem Zusammenhang besonders wesentlichen) Vertreibung und Aussiedlung der deutschsprachigen Bevölkerung.

Es gibt heute wieder christliche (teilweise katholische) Studentenverbindungen in Breslau, Lemberg, Tarnopol, Czernowitz, Pressburg, Kaschau, Budapest und jüngst auch in Klausenburg. Manche dieser Verbindungen sind bereits Mitglied in der "Kurie der freien Verbindungen" des EKV und deren Mitglieder daher unsere Kartellbrüder und –schwestern. Manche streben dies an, wieder andere (noch) nicht. Meine Aufzählung erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit und vor allem: diese Verbindungen sind in Struktur, Entstehung, Tradition usw. äußerst verschieden, was natürlich auch für ihre Aktivitäten gilt, soll heißen, manche sind höchst lebendig (wie zB Obnova Lemberg und Tarnopol!), manche existieren wohl nur noch auf dem Papier. Die Verschiedenheit drückt sich praktisch in allen Prinzipien aus, die aber - so wie wir sie kennen - grundsätzlich für all diese neuen Verbindungen gelten (und was sie auch mit uns verbindet): Im Prinzip Religio (katholisch oder christlich), im Prinzip Scientia (es gibt akademische und pennale, aber auch „gemischte“ Korporationen, dh Mittelschüler und Studenten bilden gemeinsam die Aktivitas ), im Prinzip Amicitia (es gibt rein männliche aber auch gemischte, rein weibliche Verbindungen gibt es noch nicht) und im Prinzip Patria ohnehin.

Soweit wir von diesen mehr oder weniger geglückten Versuchen wissen bzw. "Patenschaften" übernommen haben (beispielhaft seien hier die ÖCV-Verbindung Bajuvaria für die Istropolitan Bratislava und die MKV-Verbindung Borussia für e.v. Audacia Napocensis genannt), ist zweierlei ganz wesentlich: Einmal, dass all diese Korporationen unsere vier Prinzipien zu leben versuchen (und es uns "im Westen" ganz wichtig ist, eben dieses Gedankengut, unsere grundlegenden Prinzipien eben, in den "Osten" zu tragen) und dass sie alle nach den ihnen adäquaten (neuen) Formen suchen. Man muss zu dieser Problematik ganz allgemein wissen, dass viele (besser: praktisch alle) der nun frei gewordenen Völker, viele der überhaupt erst entstandenen Staaten (Slowakei, Ukraine) ihre Identität suchen.

Ich darf hier einen jungen ukrainischen Historiker und Cartellbruder (CV, nicht zufällig ist er auch Gründungsmitglied der beiden Czernowitzer Verbindungen Saporoze und Bukowina), wenn auch in anderem Zusammenhang (dem einer Wiedererrichtung eines Denkmals für Kaiser Franz Joseph) zitieren, der gemeint hat "ich bin selbstverständlich kein Monarchist aber das stellt für uns einen wesentlichen Teil unserer Geschichte dar - die rund 60 Jahre sowjetkommunistischer Herrschaft in unserem Land (der Ukraine bzw. Galiziens und der Bukowina) haben uns unsere Geschichte und damit unsere Identität genommen, wir wollen unsere Identität wieder finden".

Aus all dem folgt, dass man bei der Gründung von Studentenverbindungen im Osten mit großem Fingerspitzengefühl und ebenso großer Geduld vorgehen muss. Die jüngste Gründung in Cluj (Klausenburg) (einst Siebenbürgen, heute Rumänien) mag Beispiel dafür sein. (Als Quelle halte ich mich an einen Aufsatz von Kbr. Dr. Tacitus, Borussia Wien.)

Bezeichnend mag allein schon sein, dass Klausenburg nicht weniger als fünf Namen hat(te), eben den deutschen, heute heißt es Cluj-Napoca (Cluj, die rumänische Bezeichnung, Napoca ist der alte Dakische Name, auf den sich auch die Verbindung bezieht), Kolozsvar (ungarisch) und die alten Römer nannten es Claudiopolis.

Kb. Gerhard Krivda v. Arnulf, Borussia Wien, suchte eine Geschäftsführerin für seine Filiale in Klausenburg und stieß dabei zufällig auf eine Absolventin des Cosbuc-Kollegiums, das einen deutschen Zweig (dh Unterrichtssprache deutsch!) führt. Über sie und ihre derzeit studierende Tochter kam er in Kontakt mit einem jungen, charismatischen Professor (mittlerweile bereits Dozent an der Klausenburger Uni), den er für die Idee der Gründung einer Mittelschulkorporation gewann. Schwierigkeiten gab es bis zur Publikation noch mehr als genug zu überwinden, finanzielle, bürokratische, die Einrichtung einer Bude und vor allem die Ausarbeitung der Grundlagen für die Ausrichtung der Korporation unter Berücksichtigung der dortigen schwierigen ethnisch-religiösen Verhältnisse.

Als Namen haben sich die jungen Rumänen, von denen einige schon mehrmals in Österreich waren (zB Pennälertag 2003 in Admont, Kartellführungsschulung, etc.) und die, wie erwähnt, von Borussia effizient unterstützt werden, „Audacia Napocensis“ gewählt, auf den Zusatz „Napocensis“ wurde auch oben schon hingewiesen und dass "Audacia" den Mut, die Kühnheit bezeichnet, wissen alle Lateiner. Im Namen „Audacia“ steckt aber noch ein versteckter Bezug, bei Wegfall der ersten zwei Buchstaben bleibt „Dacia“ übrig (so heißt nicht nur der "legendäre" rumänische Renault-Nachbau), die römische Bezeichnung für deren nördlich der Donau gelegene, von Dakern bewohnte Provinz.

Etwas so Neues, wie die junge rumänische Verbindung mit deutscher Verkehrssprache in Klausenburg, sucht natürlich noch nach neuen (eigenen) Formen, kann aber sehr reizvoll sein und kreative Kräfte wecken. Jedenfalls ist Audacia christlich orientiert (es gibt ja mehrere Konfessionen im Land, die man nicht ausgrenzen will) und sie wird (bzw. hat bereits) auch Frauen aufnehmen. Der Gründungskommers fand übrigens unter Patronanz Borussiae am 15. März dieses Jahres statt, der Publikationskommers, auf dem neben dem Verfasser dieser Zeilen auch einige weitere Kartellbrüder das Band erhielten, wurde am 5. September geschlagen, wobei Audacia die Ehre zuteil wurde, dass aus diesem Anlass auch der Neue Kartellvorsitzende Helmut Schmitt vlg. Siegfried, K.Ö.St.V. Austro-Danubia Wien, angereist war. Das "Inseldasein", hunderte Kilometer von der nächsten funktionierenden Verbindung entfernt, das Fehlen jeglicher Altherrenschaft, erfahrener Couleurstudenten, von Traditionen und nicht zuletzt von Geld wird es den jungen Audacen nicht leicht machen, zu einer kräftigen, überdauernden Verbindung heranzuwachsen. Derzeit aber sind ihr Mut, ihr Engagement, ihr Wille, etwas Neues aus altem Vorbild zu formen, groß. Wir österreichische Couleurstudenten, insbesondere MKVer, können ihnen dazu nur Glück und Kraft wünschen und ihnen zurufen "fortes fortuna adiuvat!".

Vergessen wir nicht, dass die Gründung und Pflege solcher Verbindungen in (Ost)Europa in unser aller Interesse gelegen ist, in jenem aller Verbände, die im EKV zusammengefasst sind, aber überhaupt in unserem europäischen Interesse. Denn wenn wir - bei aller Vielfalt - dem kulturellen Zusammenhalt, dem Zusammenwachsen unseres Kontinents dienen, dienen wir der Sicherheit, Entwicklung und Zukunft desselben.

–Marius-

Studentengeschichte Tatsächlich gab es ein reiches couleurstudentisches Leben in den östlichen Städten der Donaumonarchie, aber auch in Ostpreussen und im Baltikum bis (meist) zum zweiten Weltkrieg, worüber der "Österreichische Verein für Studentengeschichte" wohl am besten Bescheid weiß:

Österreichischer Verein für Studentengeschichte Tuersgasse 21, 1130 Wien

Vorsitzender: Dr. Peter F. Krause vlg. Dr. Aegir, VDW, aegir@utanet.at

Verbindung
Rumänisch-Christliche Studentenverbindung Audacia Napocensis zu Klausenburg Farben: gold-hellblau-weiß Kopfbedeckung: schwarzes Barett
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