Kühne Daker
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Korporationsstudententum und Politik sind immer in Wechselwirkung zueinander gestanden: führende Politiker, ob Monarchen, Despoten oder demokratisch legitimierte Persönlichkeiten, haben die Rahmenbedingungen für die Verbindungen festgelegt, und durch die Schule eines farbtragenden Bundes gegangene Männer haben oft sogar wesentlichen Einfluß auf die Geschicke ihres Vaterlandes genommen.
Die Wende vom Kommunismus zu demokratischen Verhältnissen in den Satellitenstaaten 1989 und der Sowjetunion 1991 machte da keine Ausnahme, ganz im Gegenteil: die couleurstudentische Szenerie Osteuropas hat sich grundlegend verändert. Im ,,Untergrund’’ entstandene Korporationen kamen ans Licht der Öffentlichkeit (DDR); Neugründungen (Ungarn, Slowakei) ließen hoffen; alte, honorige Korporationen, die teilweise in den USA oder Kanada ,,überwintert’’ hatten, entfalteten sich zu neuer Blüte (Estland, Lettland); ehmaliges reiches Couleurleben wie in Czernowitz ist zwar dahin (wahrscheinlich für immer), doch brachte es neue Reiser hervor. Die deutschen Volksgruppen, Hauptwurzel für die Verbreitung studentischer Farben und Formen, sind zwar durch den zweiten Weltkrieg und die mit ihm verbundenen politischen Ereignisse in Ost- (und Mittel-) Europa nahezu zur Gänze vernichtet worden, doch sie haben in der Kultur der von ihnen ehemals besiedelten Länder deutliche Spuren hinterlassen.
Im heutigen Rumänien hatte es vor allem in Siebenbürgen (heute Transsilvanien) uralte deutsche Korporationen gegeben (man denke an die ,,Coetus’’!), doch die deutsche Minderheit ist fast völlig verschwunden, umgekommen in den Kriegswirren, vertrieben, geflohen, verkauft an die damalige BRD. Die kümmerlichen Reste - fast durchwegs alte Leute - bilden kein Substrat, aus dem Nachwuchs für einen aktiven Korporationsbetrieb gewonnen werden könnte.
Ein alter Herr Borussias, Dir. Gerhard Krivda v. Arnulf, Unternehmer, Inhaber der Firma MTC, die Verpackungsmaterialien (für Lebensmittel, Medikamente usw.) herstellt, aber auch auf Diversifikation setzt, hat die Gunst der Stunde genützt und in einigen osteuropäischen Staaten (Polen, Tschechien, Ungarn, Ukraine, Rumänien usw.) Niederlassungen seiner Firma gegründet: heute beschäftigt er etwa zweihundert Mitarbeiter in diesen Ländern. Dabei stieß er in Klausenburg (einst Hauptstadt von Siebenbürgen) auf gut Deutsch sprechende Rumänen (und Rumäninnen), die er in seinem Betrieb einsetzen konnte. Seine Geschäftsführerin in Klausenburg etwa hatte am Coşbuc-Kollegium die Matura abgelegt, ihre Tochter besucht derzeit den deutschen Zweig dieser öffentlichen Schule. In dieser Abteilung werden alle Fächer (außer Sport) auf Deutsch unterrichtet (vergleichbar vielleicht mit dem Lycée Francais in Wien mit seiner völligen französischen Ausrichtung). Bb. Arnulf hatte nun die Idee, diese Möglichkeiten für die Gründung einer Pennalie in unserem Sinne zu nutzen.
Er fand schon bald einen jüngeren (in unserer Terminologie) ,,Gymnasialprofessor’’ (23 Jahre), der - ein charismatischer Typ - Gefallen an der Sache fand und Schüler dafür gewinnen konnte: Mihai Grigoraş.
Mihai wohnte zu Jahresbeginn ein Paar Tage bei mir, und ich schleppte ihn zu verschiedenen Couleurveranstaltungen, die zufällig in dieser Zeit gerade stattfanden (Begräbnis von Kb. Dr. Leopold Knobloch v. Winfried, NdW, am Zentralfriedhof mit Chargierten; Einweihung der neuen Bude Herulias in der Phorusgasse; 100. Stiftungsfest Herulias: Kommers in der Orangerie von Schönbrunn; Borussenball-Gedächtnis auf Borussias Bude).
Ein schweres Hemmnis für den häufigen und ungehinderten Kontakt zwischen Österreich und Rumänien ist erfreulicherweise mit 1. Jänner dieses Jahres weggefallen: der Visumszwang. So konnten auch um den Palmsonntag fünf der Proponenten der neuen Verbindung, drei Schüler und zwei Lehrkräfte, an der WStV-Schulung am Ottensteiner Stausee teilnehmen und viele Gespräche mit Kartellbrüdern führen.
Schwierigkeiten bereitet die vereinsbehördliche Anmeldung, bei der wir naturgemäß keine Unterstützung leisten können, da müssen die Rumänen mit ihrem Rechtssystem, ihren Beamten und ihre Bürokratie allein fertig werden. Finanziell hingegen hat Borussia das notwendige Anfangskapital zugesagt. Auch die wichtigste Voraussetzung für einen geregelten Verbindungsbetrieb, eine Bude, scheint gesichert zu sein, ja sogar in idealer Weise. Die Pennäler sollen den Keller der Schule, an der sie keilen (mit einer Fläche von 300 m2), erhalten - da dürfte Arbeit auf Generationen von Aktiven warten.
Sehr wichtig sind die Grundlagen für die Ausrichtung der Korporation, die ethnischen und religiösen Verhältnisse. Neben dem Staatsvolk der Rumänen, die im großen und ganzen rumänisch-orthodox sind, gibt es in Klausenburg eine ungarische Minderheit, aber fast keine Deutschen mehr. Römische und griechische Katholiken und Protestanten sind religiöse Minderheiten. Die Verbindung wird also christlich ausgerichtet sein. Zwischen Rumänien und Ungarn gibt es - historisch bedingt - Spannungen. Klausenburg ist übrigens der Geburtsort des bedeutenden Königs von Ungarn und Böhmen Mathias I. Corvinus, an den auf dem Hauptplatz ein großes Reiterstandbild erinnert.
Als Namen haben sich die jungen Rumänen AUDACIA gewählt: ,,Mut’’ , ,,Kühnheit’’ , die sie für das Unternehmen sicher brauchen werden. Der Beisatz NAPOCENSIS ist das vom alten römischen Namen für Cluj (=Klausenburg) NAPOCA abgeleitete Adjektiv. Über die Farben wird übrigens noch diskutiert. Wenn man von Audacia die ersten beiden Buchstaben wegläßt, erhält man DACIA, die Bezeichnung der Römer für ihre nördlich der Donau gelegene, vom Kaiser Trojan eroberte und von den Dakern bewohnte Provinz. Der Name erfreut sich bekanntlicherweise bis heute ununterbrochener Vitalität: eine Automarke, ein Schnellzug von Bukarest nach Wien usw. sind so benannt.
Die im Entstehen begriffene Korporation hat gegenüber unseren Verbindungen natürlich Vor- und Nachteile:
1) Die rumänische Jugend ist (noch) nicht in dem Ausmaß wie die der westlichen Industrieländer von Hedonismus und Selbstsucht der Spaßgesellschaft erfaßt.
2) Etwas ganz Neues kann sehr reizvoll sein und die kreativen Kräfte wecken.
3) Der enge Kontakt zu Österreich ermöglicht den lange wie in einem Kerker Eingesperrten endlich engere Beziehungen zu einem befreundeten Land, u. zw. durch unmittelbare Begegnungen.
Natürlich sind auch mögliche Nachteile auszumachen:
1) Das ,,Inseldasein`` viele Hunderte Kilometer von den nächsten Korporationen erschwert gegenseitige Befruchtung und könnte das Gefühl des Alleinseins aufkommen lassen.
2) Das Fehlen jeglicher Altherrenschaft und erfahrener Couleurstudenten erhöht die Anfangsschwierigkeiten und macht unmittelbare Hilfe bei den am Beginn zweifellos auftauchenden Fragen nicht leicht.
3) Die wirtschaftlichen Verhältnisse Rumäniens sind nicht die besten; Probleme bei den Erstinvestitionen sind zu erwarten (1 Euro steht derzeit etwa auf 55.000 Lei - Mittelkurs)
Aber: Wer wagt gewinnt – Fortes Fortuna adiuvat.
Wer an tätiger Mithilfe interessiert ist, ist herzlich eingeladen, an dieser völlig neuartigen Couleurinitiative mitzutun! Meine Telephon- und Fax-Nummer: (01) 88 74 894
Unseren rumänischen Komilitonen, den ,,kühnen Dakern’’, wünschen wir Kraft und Mut und Freude und Zähigkeit bei ihrem Beginnen. Dann wird der Erfolg nicht ausbleiben und LIECHTENSTEIN bald eine neue Schwesterverbindung haben.
Mag. Heinrich Kolussi v. Dr. cer. Tacitus
Dieser Artikel erschien im Jahr 2003 noch vor der Gründung der Audacia in der Couleurzetischrift ,,Der Lichtenstein’’.
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